UL-Gewichtsproblematik!

Allgemeine Diskussionen über das "wahre" Ultraleichtfliegen

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aeroklaus
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UL-Gewichtsproblematik!

Beitragvon aeroklaus » 19.03.2013, 17:56

Zur mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder neu aufflammenden UL-Gewichtsdiskussion hier ein schöner Text vom allseits beliebten ;) Truxxon, darf gerne verlinkt werden....
Da, wie ich finde das Thema schon seit Jahren mega-durch ist, habe ich mir erlaubt, diesen Thread auch gleich wieder zu schliessen ;)

Viel Spass!
LG Klaus



Zuladung! Dichtung und Wahrheit.


Eigentlich nur Wahrheit, keine Dichtung. Der Versuch einer Grundlagen-Darstellung.

Die Bauvorschriften BFU 95 und LTF UL 2003 definieren Eckpunkte einer Konstruktion und deren Mindestausrüstung. Ist der Konstrukteur mit seiner Arbeit fertig, stehen üblicherweise 260-298 kg auf den Waagen - und das ist weitgehend WAHRHEIT. Warum?

Weil in keiner Bauvorschrift steht, dass die Modelle mit fetten Reifen, Radschuhen, Einziehfahrwerken, 100 PS und Verstellprops ausgerüstet sein sollen. Die meisten ULs kommen mit 80 PS ganz gut in die Luft und leichte Radschuhe gehen schneller kaputt als ich bis 3 zählen kann - also weg damit.

Wenn wir uns die Preislisten oder Konfiguratoren der marktdominanten Modelle ansehe, wird dort in ausnahmslos allen Fällen recht offen von einem Minimum-Gewicht gesprochen und Optionen werden mit Mehr-Preis und Mehr-GEWICHT beworben.

Bis hierher: Es gibt also ein Leergewicht nach Bauvorschrift.

Toll. Und Wahrheit - siehe oben.

Eine der überragenden Errungenschaften im UL-Bereich ist die viel zitierte Freiheit gegenüber anderen Klassen. Ich KANN und DARF mal eben in mein UL einen Transponder "fummeln" - das geht! MFD/EFIS/MovingMap? Mach doch! Anderen Motor? Kleineres Problem, ja, aber irgendwie ... verglichen mit dem Aufwand, eine Cessna 150 auf Rotax umzurüsten - BANAL! Das ist Freiheit. Andere Sitze? Getönte Scheiben? Nein, nicht grün, ich hätte lieber blau? Kein Problem.

Freiheit! Nicht so frei wie Frankreich oder Italien, aber MEILEN besser als eine Echo-Möhre in Europa.

Wir haben also das Leergewicht um obige 260-298 kg und nun kommen die Extras hinzu ... das Salz der Freiheit! Einziehfahrwerk - mein Traum. Wenn schon, dann Verstellprop? Dann aber auch 100 PS, oder? Und ... komm schon, die analogen Instrumente ... bei dem Thema muss ich mal eben bremsen. Der analoge Uhren-Zirkus ist in den allermeisten Fällen tatsächlich SCHWERER als ein Dynon Skyview mit einem intelligenten Filser Backup. Komm schon, wir kaufen uns nicht jeden Tag ein UL, dann darf es auch etwas "netter" sein.

Faktisch sieht es dann so aus: Das Flugzeug wird so ausgerüstet gewogen. Dann kommt etwas ganz wesentliches dazu - die AUSRÜSTUNGSLISTE! Dort steht, was in DIESEM Flugzeug abweichend von der Basis-Zulassung verbaut wurde. ACHTUNG - FREIHEIT! "Ramp-Weight" abzüglich der Gewichte der Sonderausrüstung abzgl. der Treibstoffmenge bis zum Umfang der Bauvorschrift = Leergewicht und das sollte dann irgendwo im Bereich der obigen 260-298 liegen. Der Unterschied (Ausrüstungs-)Leergewicht zu MTOW kommt dann auf den Aufkleber als Zuladung, der nach obigen Bauvorschriften im Sichtbereich des Piloten angebracht sein muss.

Nur der lieben Ordnung halber: Es gibt irgendwo ein Maximales Leergewicht", das nach den beiden Bauvorschriften unterschiedlich ist und irgendwo bei 29x und 30x kg liegt. Aber auch diese Zahl bezieht sich aus das Leergewicht nach geforderter Mindestausstattung. Ein weiterer Blick gehört sicher in dem Zusammenhang auch auf den Schwerpunkt, der analog zu wachsendem Gewicht auch anders sein kann. Thema Schleppkupplung und großes Gepäckfach - da ist viel Platz für Ungereimtheit. Deswegen haben viele Schlepper auch gerne den 100 PS Rotax (+9 kg) und einen Verstellprop (+5 kg) und schon passt es wieder.

Zusammenfassung:

"Leergewicht" ist normalerweise das Mindestgewicht nach Bauvorschrift. 260-298 kg ist Marktrealität. Werber verwenden - natürlich! - das Gewicht. Ist doch wohl logisch, oder?

"Leergewicht" für die Flugplanung oder die Kaufentscheidung ist das "Ausrüstungsgewicht", also Leergewicht plus Ausrüstung. Denn nur DIESES Gewicht entscheidet darüber, ob ich die Misson durchführen kann.

Ein Flugzeug mit 170 kg Zuladung (= MTOW abzgl. Ausrüstungsgewicht") ist für eine 75 kg Person mit 55 kg Freundin und etwas Sprit ein durchaus interessantes Flugzeug. Gleiches Modell und eine HG aus 4 Piloten, alle mit 105 kg und ein kurzer Blick auf den grauen Aufkleber definiert den Einsatzbereich des Flugzeuges - oder eben die Risikobereitschaft der HG.

Weitere Themen in diesem Komplex, die immer wieder gerne hochkommen. Zweisitzer nur einsitzig? Ja. Und? Wenn ich als Käufer entscheide, dass eine Summe an Extras mein Flugzeug schmücken soll, schlägt sich das in einer Reduzierung der Zuladung nieder. "Hab ich nicht gewußt" wirft nicht gerade ein strahlendes Licht auf den bestürzten Käufer. Das sagt doch wohl er gesunde Menschenverstand, oder? Ein so sehr schmuck ausgerüstetes UL ist Ausdruck der fliegerischen Freiheit, die man in anderen Klassen nicht hat. Lohn der Freiheit ist das Umsehen nach einer leichteren Freundin oder eine Eigen-Diät (hilft zur Vorbeugung späterer Herz-Kreislauf-Erkrankungen) oder eben das Fliegen alleine. (Wer will schon den ganzen Luxus mit einer keifenden Freundin teilen die alles mit "Musste das denn sein?" kommentiert?)

Es gibt da auch keine dunklen Machenschaften der Händler oder Hersteller. Die Styropor-Geschichte kommt immer mal hoch aber lassen wir mal die Kirche im Dorf, es war ein Einzelfall eines Herstellers, dessen Ursache wahrscheinlich einmal die Notlüge war und in der Folge wurde die Maßnahme vergessen, bis es herauskam. Das war keine großangelegte, systemische Betrugsaktion. Mit der Nachwiegung alle 4 Jahre ist mitlerweile jeder Wiegebericht korrekt. Der heutige Markt im Neu- und Gebraucht-Bereich ist weitgehend transparent.

114 kg Zuladung? Ja, kein Problem, legal. Das war eine Kappa? Blecheimer, also wahrscheinlich eher 30x kg "leer". 100 PS, Einziehfahrwerk, elektrische Trimmung/Klappen, auch auf QR, 100 PS, Verstellprop und ein paar überflüsige Instrumente, schmackellige Sitze und schon werden das 350 kg ohne mit der Wimper zu zucken. Das war ganz prima, ganz legal, denn es stand sogar auf dem Aufkleber.

Will man dennoch eine solche Diskussion führen, stellt sich schon die Frage, warum sich zwei Erwachsene Menschen trotz der klar sichtbaren 114 kg in das Flugzeug setzen. Diese Frage kann man vielfältig diskutieren. Meine Antwort wäre: Weil sie es wollten. Weil sie die Freiheit genossen haben, es können zu dürfen. Weil sie den Luxus genossen haben, es sich leisten zu können. Sie haben es leider sehr teuer bezahlt. Noch viel teurer allerdings wären Systeme und Maßnahmen, die auch solche Freiheiten noch weiter einschränken, denn sie würde alle treffen. Ich stehe lieber an Gräbern, weil Leute ihre Freiheit genossen haben als an Gräbern, weil Leute aus langer Weile sterben, weil sie nichts mehr zum Genießen haben.

Hartmut"

EDIT:

"Leicht" hätte ja nicht nur den Vorteil von "mehr Zuladung". Es wäre, wenn man es mal nüchtern betrachtet, auch jeweils das billigste Modell irgendeines Angebots. Eine CT nackt, ohne Zubehör, wie Gott sie geschaffen hat, unverdorben - 280 kg, nur 75.000 Euro. Warum Kunden praktisch 30-40.000 Mehrpreis für sinkende Zuladung bezahlen, müßte mal jemand erforschen. Im Kopf wird das aber ganz sicher nicht entschieden. Aber es wird gemacht und es wird niemand gezwungen. Ich warte auf den Tag, an dem jemand mal "Mehr Leergewicht" auf die Aufpreisliste setzt. :)
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Low and slow!!

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